„Erziehe dein Kind wie einen Hund.“

Derzeit läuft eine Petition, die die Ausstrahlung einer Sendung mit dem Titel „Erziehe dein Kind wie einen Hund“ bei RTL verhindern soll. Ein ähnliches Format wurde schon 2019 in Großbritannien ausgestrahlt, die erste Folge der deutschen Produktion lief am 3. Januar 2021 im Fernsehen.

Ich möchte zunächst nicht sehr auf die Sendung eingehen (kommt weiter unten), weil mir die Einzelheiten des Formats, als ich begann den Text zu schreiben, nicht bekannt waren und ich lediglich den Trailer der britischen Sendung gesehen hatte. 

Ich möchte als erstes darüber schreiben, warum schon dieser kurze Satz “Erziehe dein Kind wie einen Hund” auf viele Menschen offensichtlich massiv triggernd wirkt.

Meiner Meinung nach zeigt das sehr gut, welches Bild von Hundetraining immer noch in den Köpfen vorherrscht:  Gehorsam, Zuckerbrot und Peitsche. Etwas, bei dem Gefühle und Emotionen eher keinen Platz haben, es sei denn, es geht darum, sie zu unterdrücken.  Das möchte glücklicherweise die Mehrheit der Menschen im Jahr 2020 keinesfalls. So möchten wir unsere Kinder nicht mehr behandeln.

Stattdessen betrachten wir heute unsere Kinder als gleichwürdige Menschen. Erkenntnisse aus der Wissenschaft, z.B. zur Entwicklung des Gehirns und was ein Kind wann können kann, fließen in den Umgang mit Kindern mit ein. So entwickeln Kinder z.B. erst mit der Reifung des Gehirns die Fähigkeit zur Empathie, in der Regel ab einem Alter von 4 Jahren. Entsprechend wissen wir also, dass es bei einem zweijährigen Kind durchaus normal ist, wenn es seinem Spielkameraden z.B. ein Spielauto einfach wegnimmt – es fehlt noch an der Fähigkeit, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen und auch daran, die eigenen Wünsche und Impulse zu kontrollieren.

Ja – soweit ungefähr bin ich mit meinem Text gekommen, als ich ihn Ende Dezember zu schreiben begann, ohne Näheres zur Sendung zu wissen. Ich bin also der Überzeugung, dass jedem Lebewesen ein zugewandter, respektvoller Umgang zusteht. Mit dieser Haltung ist es für mich deswegen auch stimmig, dass Hundetraining und Menschentraining gar nicht so unterschiedliche paar Stiefel sind. 

Ich finde z.B. das Konzept des TAGteach sehr spannend. Dort geht es nicht nur darum, die Lernende zu “clickern”, sondern es erfordert von dem Menschen, der lehrt, eine ziemlich gründliche Vorarbeit. Das, was gelernt und verstärkt werden soll, wird in sinnvolle kleine Schritte und einfache Handlungsanweisungen für den individuellen Lernenden unterteilt. So bekommt die Lernende eine sehr klare Information, was getan werden soll. 

Dieses Vorgehen mag technisch wirken, ist aber darauf ausgerichtet, den Lernerfolg zu maximieren. Denn: Wer war nicht schon mal vollkommen verwirrt, nachdem man z.B. einer technischen Anweisung einer Expertin folgen sollte, die versucht hat, alle irgendwie möglicherweise relevanten Informationen in einen 3-minütigen Schnellfeuer-Monolog zu packen? Und wer hat dann nicht unter den wachsamen Augen des Lehrers Fehler um Fehler verursacht und war am Ende verunsichert und frustriert?

Wie dem auch sei, die Sendung wurde nun ja ausgestrahlt und es folgten Reaktionen und auch einiges an Kritik, auch aus der Hundetrainer*innen-Szene. Mit letzterem hätte ich ehrlich gesagt gar nicht so gerechnet, auch wenn es einige Kritikpunkte gibt, die ich wichtig und berechtigt finde.

Auf einige kritische Punkte und Dinge, über die ich nachdenke, möchte ich jetzt gerne eingehen.

Ein Kritikpunkt, der genannt wird, ist die Erkenntnis, dass Belohnungssysteme die intrinsische Motivation für eine Tätigkeit schwinden lassen können. 

Der zweite Punkt bezieht sich auf die Kritik, die Menschen mit Autismus teilweise an der Applied Behavior Analysis (ABA) vorbringen. Durch die Applied Behavior Analysis soll mittels positiver Verstärkung Verhalten verändert werden. Häufig sollen die Menschen mit Autismus hier aber Verhalten erlernen, das sie so “neurotypisch” wie möglich erscheinen lässt und somit ihrem Wesen nicht entspricht, was im schlimmsten Fall traumatisierend wirkt.

Wegen dieser beiden Punkte finde ich es sehr wichtig, zwischen der Methode und der Anwendung zu unterscheiden! 

Meiner Meinung ist die Methode sehr darauf ausgerichtet, dass es dem Lernenden gut geht. Ich finde es nicht entwürdigend, Menschen und Tieren etwas mittels eines Clickers beizubringen. 

Aber ich finde es unglaublich wichtig, auf die Anwendung zu schauen. Zu gucken, was genau beigebracht werden soll und inwieweit die Person, deren Verhalten geändert werden soll, ihr Einverständnis geben kann oder geben würde. Es ist meiner Meinung nach essentiell, dass die Bedürfnisse des Lebewesens, dessen Verhalten geändert werden soll, im Vordergrund stehen. Hat beispielsweise ein Mensch im Autismusspektrum nicht den Wunsch nach Körperkontakt, so ist dieser Wunsch zu respektieren. Genauso ist es mir auch wichtig, dass wir Hunde nicht nur trainieren bis sie funktionieren, sondern ihre Bedürfnisse und Wünsche (die nicht verbal geäußert werden, aber ja durchaus spürbar sind) wahrnehmen und berücksichtigen.


So langsam komme ich konkret zur Sendung, dort gab es meiner Auffassung nach nämlich gute Beispiele fürs “Menschenclickern” und weniger gelungene.

Gute Beispiele finde ich das Zähneputzen und das Abgeben des Schnullers. Beides sind Dinge, die, wenn sie einfach gar nicht gemacht werden, möglicherweise zahngesundheitliche Probleme nach sich ziehen. Hierfür wird es beim Kind vermutlich auch keine intrinsische Motivation geben, die durch eine Belohnung gefährdet wäre, da ein kleines Kind noch nicht so abstrakt (jetzt Zähneputzen verhindert Karies in einigen Jahren) denkt. 

Bei Menschen und gerade Kindern Essen als Verstärker zu sehen kann evtl. kritisch gesehen werden, da Essen als Belohnung unter Umständen kein gesundes Verhältnis zum Essen fördert. Es gab in der Sendung aber auch schöne Beispiele für Verstärker, die mit Spiel und Körperkontakt zu tun hatten und von den Kindern bevorzugt angenommen wurden.

Ein weniger gelungenes Beispiel stellt vielleicht das Schlafen dar. Evolutionär gesehen scheinen wir und insbesondere kleine Kinder wohl einfach nicht dafür gemacht zu sein, alleine zu schlafen – wer allein schläft, wird vielleicht vom Säbelzahntiger gefressen. Entsprechend wird hier gegen das Bedürfnis des Kindes nach Nähe gearbeitet. Positiv hervorzuheben ist jedoch, wie ich finde, dass zumindest eine Alternative zum offensichtlich immer noch verbreiteten “Schreienlassen” gezeigt wurde und betont wurde, dass das Kind eben nicht alleine im Bett schlafen soll, bevor es das nicht kann.

Letztendlich, das muss man auch sagen, sprechen wir immer noch über RTL. Wäre es nicht auch etwas wert, wenn über dieses Medium nun Gedanken aus dem bedürfnisorientierten Leben mit Kindern (und Hunden) ihren Weg in die Köpfe fänden? Ich fand es schön zu sehen, dass der Clicker nämlich letztendlich nur ein Werkzeug war, über das sich teilweise der Blick der Eltern für die Bedürfnisse der Kinder wieder öffnen konnte.

Eine grundsätzliche Kritik gilt aber natürlich – aus meiner Sicht berechtigt – dem Format als solches, maßgeblich dem “Vorführen” der Kinder. Ich selber finde es nicht gut, dass die Kinder in so intimen Momenten, in ihrem Zuhause, gezeigt und letztendlich auch bloßgestellt werden. Ich kann aber auch nachvollziehen, dass Aurea Verebes da für sich vielleicht abgewogen hat, ob sie mit dem, was sie zeigen möchte, vielleicht in der Summe mehr Gutes bewirken kann, als durch die Ausstrahlung “Schaden” bei den gezeigten Individuen verursacht wird.

Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf einige der Hund-Kind-Interaktionen. Bei genauerem Hinsehen fällt tatsächlich auf, dass da in Hinblick auf die Bissprävention bei Kindern (für die Aurea ja auch Expertin ist), doch einige unglückliche Szenen eingefangen wurden. Beispiel: Ein fremder Hund (d.h. nicht der Familienhund) mit Futter (Kauteil), an einer recht engen Stelle liegend, mit kleinem, dem Hund fremden, Kind sehr nah daneben. 

Generell ist vielleicht auch nicht ganz logisch, wieso bei der Arbeit mit den Familien Hunde anwesend sein müssen – die Einblendungen zum Hundetraining zwischendrin wären ja vollkommen ausreichend gewesen. Letztendlich ist das Thema “Hund” hier ja nur der Aufhänger, der für Interesse, Aufregung, Einschalten sorgen soll. Ob diese thematische Mischung deswegen letztendlich so sinnvoll ist, ist die Frage. Ein Format “Supernanny mit TAGteach” hätte aber wohl leider keinen Abnehmer gefunden.

Was ist nun mein persönliches Fazit? 

Der teilweise recht massiven Kritik kann ich mich nicht anschließen. Ich finde, das Konzept des Clickertrainings kann auch beim Menschen seine Berechtigung haben. Und ich finde es gut, wenn die Methoden aus dem positiven, wertschätzenden Hundetraining im Fernsehen gezeigt werden. 

Die Frage, ob ich als Zuschauerin auch eine Verantwortung habe, ein Format nicht zu schauen, in dem Kinder in ihrem privaten Zuhause und in unschönen Situationen gezeigt werden, kann ich momentan für mich noch nicht beantworten. Sie stellt sich mir, man merkt also einen gewissen Zwiespalt.

In jedem Fall gibt es, wie so häufig, einige Dinge, die verändert werden könnten.

Ich bin weiterhin gespannt – vor allem auf die Diskussion und die verschiedenen Aspekte, unter denen das Thema betrachtet werden kann. Falls ihr hier diskutieren mögt: Sehr gern, ich bin wirklich gespannt – aber bitte bleibt fair und sachlich!

„Erziehe dein Kind wie einen Hund.“

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