Wem „gehört“ eigentlich der Spaziergang?

Ich war lange ein ziemlich klassischer Gassigänger. Morgens, Mittags, Abends, jeweils 30 Minuten allerwenigstens. Nicht zu langsam, der Hund muss ja ausgelastet werden. Natürlich durfte geschnüffelt werden, aber nicht zu lange, wir mussten ja weiter, wir wollten ja “Strecke machen”. Wie man das halt so macht, mit ‘nem Hund.

Dabei ist es ganz spannend: Straßenhunde z.B. schlafen und ruhen nicht nur viel, sie haben teilweise auch relativ kleine Gebiete, in denen sie z.B. zur Nahrungssuche umerherstreifen. In städtischen Gebieten können das zum Teil weniger als 10 Hektar sein. Umgerechnet: 100.000 m², dh. z.B. eine Fläche von 200 x 500 Meter. Kurz: Hunde, die ohne Menschen leben, sind oft also ziemlich gemütlich drauf.

Ein bisschen was von dieser Gemütlichkeit versuche ich auf unsere Spaziergänge zu übertragen. In allererster Linie heißt das, dass meine Hunde meist das Tempo bestimmen. Oft auch, welche Strecke wir gehen. Und natürlich, wie lange und intensiv wo geschnüffelt wird. So sind wir oft ziemlich langsam unterwegs, denn für Hundenasen muss die Welt ganz unglaublich vielfältig sein. 

Das Schöne: Das ist auch für mich als Mensch nicht langweilig. Es ist spannend zu erleben, für was sich ein Hund interessiert, wie intensiv er an manchen Stellen riechen kann, was Veränderungen in seiner Körpersprache anzeigen können.  Und wenn ich erwarte, dass mein Hund sich mir zuwendet, wenn ich etwas von ihm möchte, er “ansprechbar” bleibt – sollte ich dann nicht auch für ihn und seine Interessen ansprechbar sein?

Ich bin der Meinung: Der Spaziergang ist Zeit für den Hund. Meine Aufgabe ist es, zu schauen, wie viel oder wenig Unterstützung der Hund braucht, damit er seinen Spaziergang genießen kann.

Nach Herzenslust zu schnüffeln ist dabei eines der wichtigsten Dinge, die jeder Hund ausführlich auf einem Spaziergang tun dürfen sollte. Wirklich ausführlich! Nicht bloß nebenbei, während der Hund an der Leine weitergezerrt wird, nicht hektisch, weil der Mensch den freilaufenden Hund schon um 30 Meter überholt hat und Hund aufpassen muss, dass er den Anschluss nicht verliert. 

Bei uns hat es einige Zeit gedauert, bis ich mich wirklich getraut habe, den Großteil unserer Spaziergänge zu entschleunigen. Immer noch ertappe ich mich manchmal ganz menschlich bei dem Gedanken, “Strecke machen” zu wollen. Doch wie bei so vielen Dingen gilt auch beim Spaziergang: Qualität, statt Quantität.

Sicher muss ein Hund mehrmals am Tag die Möglichkeit bekommen, sich in Ruhe zu lösen und einem gewissen Bewegungsbedürfnis Rechnung getragen werden. Mein Meinung ist: Lieber ein hundgerechter, entspannter Spaziergang am Tag, plus Lösemöglichkeiten, als mehrere, hektische Runden.

A propos Runden: Manche Hunde finden es deutlich entspannter, den gleichen Hin- und Rückweg zu gehen. Rückzu sind viele Eindrücke dann schon bekannt, während das Hundegehirn auf einem Rundweg pausenlos neue Eindrücke bekommt.

Begegnungen mit fremden Menschen und Hunden auf einem Spaziergang sind natürlich ein Thema für sich. Kurz: Qualität statt Quantität gilt auch hier. Es ist auch völlig normal, wenn ein erwachsener Hund nicht ständig neue Bekanntschaften mit Artgenossen schließen möchte. Immer wichtig: Eine Begegnung, ob mit Mensch oder Hund, findet nur statt, wenn beide Parteien einverstanden sind. Auch wenn der eigene Hund ganz lieb ist und nur mal “Hallo sagen” möchte.

Natürlich: Es wird immer mal Diskrepanzen geben zwischen dem, was ein Hund gerne tun würde und was wir aus Menschensicht für angemessen halten. Hier gilt es oft, Kompromisse zu finden: Natürlich darf unser Hund keine Tiere stören – aber er kann uns zum Beispiel Spuren anzeigen und dafür ehrliche Bewunderung und Lob von uns ernten. Natürlich sollte ein Rüde nicht Nachbars mühsam angelegt Hecke markieren – also trainieren wir mit ihm ein “Geh bitte einfach weiter”-Signal. Und manchmal lohnt es sich auch zu hinterfragen: Wie schlimm ist es jetzt gerade wirklich, wenn sich der Hund in Schafskacke wälzen möchte? Ist das glückliche Hundegrinsen uns nicht vielleicht den Aufwand der Reinigungsaktion zu Hause wert?

Wem „gehört“ eigentlich der Spaziergang?

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